Mittwoch, 23.06.10, 20:34 – Uttpala, Nelisha und Kunal sind weg, ohne Abschied

Ich muss jetzt noch einmal auf Adoptionen eingehen, nachdem ich einige Artikel gelesen habe, die meine eigenen Erfahrungen belegt haben.

Ich schreibe mal eine Beispielgeschichte für ein Kind zusammen: Nehmen wir das Mädchen Kali (einfach nur Kali genannt, weil es so dunkel ist), was irgendwie in ein Waisenhaus kommt und adoptiert wird.

Kali wird in einem Dorf irgendwo in der Nähe des Kathmandutales geboren. Nun gibt es 4 Möglichkeiten, damit es in ein Waisenhaus kommt und adoptiert werden kann.
1. Entweder ist Kali Waise.
2. Oder Kali wird aufgrund dessen, dass sie ein Mädchen ist, mit 2-3 Tagen Alter vor einem Tempel abgelegt. Da wird sie gefunden, zur Polizei gebracht und von dort aus in eins der großen Waisenhäuser in Kathmandu weitergeleitet, höchstwahrscheinlich Bal Mandir.
3. Oder Kali wird bis zu einem Alter von ca. 4 Jahren im Dorf von ihren Eltern großgezogen, weil diese das Mädchen haben wollten. Es kommen Menschen in das Dorf, die den Eltern anbieten, Kali in Kathmandu eine gute Bildung zu ermöglichen. Die Eltern geben ihr Kind ab und unterschreiben einen Vetrag (möglicherweise sind die Eltern Analphabeten und können diesen Vertrag nicht verstehen), in dem sie zugestehen, dass Kali zur Adoption freigeben wird. Weiterhin kann es vorkommen, dass ihnen Kontakt zu ihrem Kind versprochen wird oder ihnen sogar Geld für ihr Kind gegeben wird. Kali wird mitgenommen.
4. Kali wird entführt.

In jedem Fall landet Kali in einem Waisenhaus, aus meinen Erfahrungen nehme ich hier mal Bal Mandir. Je nach Alter kommt es in einen von 3 Räumen, Säuglings-, Baby- oder Toddlersraum. An Nahrung (die vom Waisenhaus finanziert wird) erhält Kali das Nötigste, Spielzeug hat sie keins, Klamotten keine eigenen und Krankheiten viele und immer irgendwas, denn Hygiene ist nichts, worauf hier wertgelegt wird. Früchte und Milch zum Beispiel erhalten die Kinder mittags in der Toddlers School, diese wird aber von Freiwilligen oder anderen Spenden finanziert und gehören nicht zum Standardprogramm. Auch die Spielzeuge in der Toddlers School sind von ehemaligen Freiwilligen finanziert und stehen den Kindern nur 2 Stunden am Tag zur Verfügung.

Zeitgleich bemühen sich Paare in Industrieländern um Adoptionsrecht, durchlaufen viele Prozesse, zahlen Geld und hoffen auf eine Genehmigung. Haben sie diese, bewerben sie sich in diesem Fall in einem Entwicklungsland, Nepal also, schicken viele Briefe, Dokumente usw. hin und her und erhalten im besten Fall eine Zustimmung. Mit der Bewerbung dürfen sie Alter und Geschlecht des Wunschkindes angeben, das Waisenhaus erhält zudem noch detaillierte Informationen über deren Leben, Beruf, Vergangenheit, Zukunft, finanzielle Möglichkeiten usw. Nach diesen Informationen suchen zuständige Menschen passende Kinder für die Paare aus. So wird auch Kali ausgesucht, denn veilleicht ist Kali ja schon 3 oder 4 Jahre alt und nicht das hübscheste, aktivste Kind, sondern ein wenig verschlossen. Würden die zukünftigen Eltern einfach ins Waisenhaus kommen und sich ein Kind aussuchen, dann würden möglicherweise Kinder wie Kali gar nicht adoptiert werden, denn bekannterweise werden am liebsten kleine, hübsche Babys genommen. Kali wird einem Paar also zugewiesen, sie erhalten ein Foto per Mail und vielleicht noch ein paar mehr Informationen, sollte es die geben. Daraufhin reist das Paar nach Nepal, macht noch ein bisschen Papierkram und lernt Kali einen Tag bis maximal eine Woche kennen, bleibt vielleicht noch ein paar Wochen mehr in Nepal und nimmt sie mit. Und schon ist Kali in Italien oder Spanien oder sonstwo.

Nach meinen Erfahrungen sehen sich die meisten der Adoptiveltern als reiche Retter, die ein armes, verwahrlostes Kind aus einem Entwicklungsland holen. Sie beachten in den seltensten Fällen, dass das Kind auch schon davor ein Leben hatte und durchaus glücklich war, mütterliche Bezugspersonen hatte, Freunde, vielleicht sogar Geschwister. Auch denken sie kaum darüber nach, dass die Frauen im Waisenhaus sich schon sehr lange um dieses Kind kümmern, vielleicht schon seit den ersten Tagen nach der Geburt und dass sie dieses Kind wirklich lieben. Auch Freiwillige wie ich, werden oftmals vollständig übersehen, ein Abschied wird weder uns, noch den Didis, noch den Kindern ermöglicht. Man könnte zum Beispiel noch einmal eine Runde durch das Haus gehen, jedem Tschüß sagen, das mit dem eigenen Namen bedruckte T-Shirt aus der Toddlers School mitnehmen usw, doch so etwas geschieht nicht.

Eigentlich soll so eine Adoption „nur“  5.000 Dollar kosten, jedoch gehen Beträge is zu 30.000 Dollar über und unter den Tisch. Da kann man sich denken, wer profitiert und warum Kinder so ein gutes Geschäft sind. Im Klartext, es rechnet sich, Kinder aus Dörfern zu kaufen und weiter ins Ausland weiterzuverkaufen.

Im Jahr 2007 hat Nepal selbst Adoptionen ins Ausland aus Gründen von internationaler Kritik gestoppt, doch mittlerweile sind Adoptionen wieder möglich. Trotzdem haben einige Länder, wie die USA und Deutschland Adoptionen aus Nepal vorerst (Februar 2010) eingestellt, alles aus oben genannten bekannten Gründen.

Ich muss zu meiner eigenen Sicherheit noch anfügen, dass ich alle Informationen aus folgenden Artikeln und meinen eigenen Erfahrungen bei Bal Mandir habe. Die Bal Mandir-spezifischen Informationen sind natürlich nicht offiziell vom Management belegt, sondern stammen aus Berichten, Beobachtungen und Gesprächen.

http://www.welt.de/politik/article6608191/Skandal-um-Adoption-von-Kindern.html
http://www.epo.de/index.php?option=com_content&view=article&id=4132:nepal-studie-weist-regelrechte-adoptionsindustrie-nach&catid=55&Itemid=50

Advertisements

7 Kommentare zu „Mittwoch, 23.06.10, 20:34 – Uttpala, Nelisha und Kunal sind weg, ohne Abschied

  1. Hi, Laura,

    Ich habe ja den schlimmen Ablauf der Adoptionen und das Geschäft damit vor einigen Tagen kommentiert.
    Was aber Deine Meinung über die Adoptiveltern betrifft, tust Du denen Unrecht. Schau mal genau hin: Du berichtest aus Deinen eigenen Gefühlen heraus, Deinen Verletzungen, wenn die Kinder plötzlich aus Bal Mandir weg sind. Und was ist, wenn Du plötzlich Nepal verlässt?
    Ich habe zwar (nur) ein Kind aus Deutschland adoptiert, keines aus Nepal, aber ich bin mit einer Reihe von Adoptiveltern die nepalesische Kinder adoptiert haben befreundet. Alle, ausnahmslos alle pflegen die nepalesischen Wurzeln ihrer Kinder, viele waren mit ihren Kindern schon wieder einmal dort. Ich arbeite seit über 10 Jahren in nepalesischen Projekten und ich kann mit Sicherheit sagen dass Du mit Deiner Meinung den Adoptiveltern Unrecht tust. Ich kenne das Leid, wenn Kinder plötzlich verstoßen werden, nur weil die Frau einen anderen Mann heiratet. Ich kenne Kinder die deshalb auf der Strasse gelandet sind. Ich kenne Kinder die einfach im Krankenhaus zurückgelassen wurden, ohne irgendwelche Adressen oder Hinweise. Man kann über alles streiten aber oft gibt es nur zwei Alternativen: Später als heranwachsene Frau in der Gosse oder in einem indischen Bordell zu landen oder von einer Adoptivfamilie aufgenommen zu werden. Wie wäre Deine Wahl? Du kannst Dich natürlich auch dazu entscheiden Dein weiteres Leben in Nepal zu verbingen und Kinder dort aufzuziehen.
    Günther

    1. Hallo Günther!

      Ich habe meinen Eintrag mehr als 3 mal durchgelesen und auch von anderen Freiwilligen lesen lassen, um genau dem vorzubeugen, nämlich, dass zuviel Gefühl meinerseits darin wäre. Leider ist es nicht so, trotzdem beschreibe ich natürlich nur das, was ich erlebt habe. Ich habe bisher nur 7 Adoptivelternpaare kennengelernt und nur eines war meiner Meinung nach den Didis gegenüber fair und hat einen Abschied zugelassen. Wie diese Paare mit der Herkunft ihres Kindes umgehen, wenn sie in Europa sind, das weiß ich natürlich nicht. Die Art und Weise, wie du es beschreibst, erscheint mir als die beste und auch einizig wirklich mögliche Wahl. Und auch ich habe hier schon eine Adoptivmutter gesehen, die mit ihrer nepalesischen Tochter in Bal Mandir war und ihr alles gezeigt hat. So finde ich das schön!
      Ich spreche in meinem Text wirklich nur über diese Tage, in denen der „Abschied“ stattfindet und die Woche, in der ich die Eltern vorher erlebt habe.

      Und du hast natürlich auch Recht, dass es für ein verstoßenes Kind natürlich besser ist, adoptiert zu werden, als auf der Straße oder wieterem zu landen. Trotzdem wäre es noch besser, wenn das Kind von einer nepalesischen Familie adoptiert wird. Und wenn man dann von Studien erfährt, bei denen herauskam, dass 60% der Kinder in nepalesischen Heimen keine Waisen sind, allein 2006 500 nepalesische Kinder ins Ausland adoptiert wurden und die Zahl, der „verlassen“ Kinder extrem sank, als Nepal selber 2007 Auslandadoptionen einstellte, dann ist es doch verständlich, dass ich Zweifel am Konzept, der Durchführung und teilweise auch den Adoptiveltern habe, weil diese ja auch nie 100% sicher sein können, kein illegal beschafftes Kind an der Hand zu haben. ich zweifle jedoch kaum daran, dass diese Eltern ihren Job als Eltern gut machen!

      Und was ist, wenn ich plötzich Nepal verlasse? Darüber habe ich auch schon nachgedacht und bin dabei darauf gekommen, dass eine Freiwilligenarbeit in diesem Sinne keine 100&ig gute Sache ist, gerade weil Kinder sich dadurch immer wieder von ihren Bezugspersonen trennen müssen.

      Und ja, ich habe bereits nachgedacht, ob es nicht eine Idee wäre, ein Waisenhaus zu führen. Direkte Arbeit mit Kindern möchte ich nicht tagtäglich machen, aber ein Waisenhaus transparent, nachhaltig und menschlich managen, das ja! Vielleicht mache ich das ja irgendwann. Aber ich bin erst 20, da darf ich noch überlegen, studieren und ausprobieren, oder? 😉

      Laura

  2. Moin Laura,

    ja du darfst probieren und nachdenken! und ich danke Dir das du so viel Nachdenkst und uns an deinen Gedanken teilhaben lässt.
    Leider gibt es keine ultimativ richtige Lösung, aber du hast sicher Recht das der Prozess das adoptiert werdens aus Sicht der Kinder nicht optimal gestalltet ist aber ich denke auch das die Eltern sich viele, sehr viele Gedanken machen ein Kind gut aufzunehmen und aufzuziehen, aber das viele Eltern nicht sehen wie wichtig es ist den Lebensabschnitt im Heim gut zu beenden. Verabschieden ist wichitg, dazu hab ich aber auch bedenken denn die andern Kindern könnten neidisch sein „Der darf in ein anderes Leben und ich muss hier bleiben“ aber umgekehrt die Angst „vielleicht kommen auch hier Menschen und entführen mich aus dem Heim“. Als Betreuer bist du „Profi“ und kannst sicher ohne Abschied leben, denke an Günther und andere tolle Adoptivelter (mein Bruder ist auch ein deutsches Adoptivkind und ich hätte ihn vermisst) und wisse bzw. hoffe das Uttpala, Nelisha und Kunal behütete aufwachsen und tolle Menschen werden. (auch wenns ohen abschied schwehr fällt). Aber mit den andern Kindern im Heim und auch den andern Betreuern kannst du vielleicht eine bessere Form des Umgangs und Abschieds finden.

    Viel Erfolg! und vielen Dank für die gute Arbeit die du dort machst.
    Lüder

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s